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[englische Version]
Die europäische Spinne des Jahres 2009 - Die Dreiecksspinne
Hyptiotes paradoxus (C.L. Koch 1843)

Wahrscheinlich jeder kennt das typische Radnetz der
Kreuzspinne. Auch ist allgemein bekannt, dass die Natur über die Jahrmillionen
Organismen und ihre Verhaltensweise in zum Teil bizarrer Art und Weise
verändert. Die Spinne des Jahres 2009 zeigt uns, wie DAS Spinnennetz
schlechthin zu einem raffinierten Fangutensil umgestaltet wurde.

Zunächst aber: der Protagonist ist unscheinbar klein
(3–6 mm Körperlänge), unscheinbar gefärbt (hellgrau, bräunlich oder
dunkler, meist mit Muster aus hellen, z.T. gefiederten Haaren) und lebt
versteckt (hauptsächlich in Nadelforsten zwischen trockenen Zweigen
im Waldesinneren). Die Spinne ist auffällig gedrungen, sowohl Körper
als auch Beine, und in ihrem Lebensraum hervorragend getarnt. Der Hinterleib
ist dreieckig hochgewölbt, und man könnte meinen, dass er entscheidend
bei der Namensgebung war. Aber da ist noch das Netz, welches die Spinne
am ehesten verrät. Geht man durch eine Fichtenschonung, überlässt man
am besten der gegenscheinenden Sonne die Aufgabe, die etwa 20 cm großen
Netze zu enttarnen: diese bestehen aus lediglich vier Radialfäden und
den dazwischen aufgespannten Fangfäden, also aus drei Teilsegmenten
eines Radnetzes. Gehalten wird das Netz von einem Rahmenfaden und auf
der Gegenseite von einem der Nabe entspringenden Signalfaden. Insgesamt
erscheint es so wie ein seidenes Dreieck. Hyptiotes
selbst hat sozusagen die Fäden in der Hand, lauert zwischen Nabe und
Anheftungspunkt als lebendes Zwischenstück in den Signalfaden eingebaut.
Gerät ein Insekt in die Fangfäden, lässt die Spinne ruckartig die Falle
zuschnappen, indem sie den Faden hinter sich verlängert und so die Spannung
des Netzes verringert. Auf diese Weise schlagen über der Beute die Fangfäden
zusammen, so dass die Netzinhaberin anschließend ein leichtes Spiel
hat.
Für Spinnen-Phobiker ist diese Art der Silberstreif
am Horizont, denn wie alle Vertreter der Kräuselradnetzspinnen (Familie
Uloboridae; in Deutschland gibt es zwei weitere Arten) besitzt die Dreiecksspinne
keinerlei Giftdrüsen. Auch diese wurden —wie schon das Radnetz— im Laufe
der Evolution reduziert. Die Beute wird zu einem bewegungsunfähigen
Klumpen eingesponnen. Beim Verdauen der Beute muss nun zunächst die
Seide verdaut werden, um an die Nahrungsstoffe der Beute zu gelangen
— dies geschieht wie bei allen Spinnen mit einer Verdauung vor dem Munde.
Eine weitere Besonderheit, die sich die Dreiecksspinne
mit etwa 50 Spinnenarten in Europa teilt, ist die Kräuselfangwolle.
Für ein Verständnis derselben ist der Aufbau der Spinnwarzen wichtig
darzustellen: Für gewöhnlich haben Spinnen sechs Spinnwarzen, das sind
kurze, durch Reduktion von Gliedmaßen entstandene Anhänge am Ende des
Hinterleibs. Auf diesen Spinnwarzen sitzen Spinnspulen, die in Verbindung
mit den Spinndrüsen im Körperinneren stehen. Aus diesen Spulen tritt
die Seide aus und wird z. B. als Rahmenfaden oder Kokonfaden verwendet.
Die cribellaten Spinnen haben zusätzlich zu diesen sechs Spinnwarzen
ein Spinnsieb, welches direkt vor den Spinnwarzen liegt. Es gilt als
Homolog zu einem vierten Paar Spinnwarzen, das bei den Vorfahren der
Spinnen vorhanden war und bei ganz wenigen urtümlichen Vertretern noch
auftritt. Aus diesem Spinnsieb treten aus feinsten Spinnspulen Tausende
von Einzelfäden aus. Diese werden mit einem Kräuselkamm (das ist eine
Borstenreihe auf dem letzten Beinpaar; Calamistrum) aufgekämmt, so dass
eine feine Fangwolle entsteht. Sie hat eine um ein Vielfaches höhere
Adhäsionskraft als z.B. die Leimfäden der Kreuzspinne und den Vorteil,
dass sie nicht durch Verdunstung eines Klebstoffes häufig erneuert werden
muss.
Zum Schluss sei noch eine morphologische Absurdität
bei Hyptiotes paradoxus erwähnt. Alle Spinnenmännchen
müssen in Ermangelung eines Penis ihr Sperma indirekt übertragen. Dies
tun sie mithilfe von Kopulationsorganen an ihren Tastern — das sind
Gliedmaßen zwischen den Fangzähnen und den Laufbeinen. Bei fast allen
Spinnen besitzen diese Organe eine geringe bis mäßige Größe. Bei Hyptiotes
allerdings erreichen sie ein Volumen, das zusammen fast dem des gesamten
Vorderleibes entspricht.
Neben all ihren Besonderheiten ist die Dreiecksspinne
auch eine gewöhnliche Spinne: sie ist weitverbreitet, kommt von Westeuropa
bis nach Ostasien vor, ist in ganz Deutschland zuhause, so denn Wälder
vorhanden sind, und selbst ihr Gattungsname („die auf dem Rücken Liegende“,
„die Träge“ , auf ihre Ruheposition ansprechend) vermittelt etwas sehr
Entspanntes — gleichwohl es zum Überleben wichtig scheint, sich anständig
zu tarnen und somit auch Ruhe zu halten. Der spezifische Namenszusatz
„paradoxus“ („die Merkwürdige“) macht dann
wieder neugierig, mehr über diese Spinne zu erfahren. Sollten Sie zur
Reifezeit von Hyptiotes (Juli bis Oktober)
ein paar Stunden erübrigen können und ihrem geplagten Rücken einen Spaziergang
auf weichen und duftenden Fichtennadeln gönnen, besuchen Sie doch mal
die Dreiecksspinne in ihrer Welt!
Peter Jäger
Kontakt
Deutschland:
Dr. Martin Kreuels, 48161 Münster, Nordrhein-Westfalen (NRW)
Email: kreuels
(at) aradet.de
Europa:
Dr. Milan Řezáč, Department of Zoology, Charles University, Vinicna
7, 128 44 Praha 2, Czech Republic, eMail: pavouk.milan
(at) seznam.cz
Beteiligte Länder (Anzahl Länder: 21, Anzahl Jurymitglieder:
71):
Belgien, Bulgarien, Dänemark, Deutschland, Finnland,
Frankreich, Großbritannien, Irland, Italien, Niederlande, Norwegen,
Österreich, Polen, Portugal, Schweden, Schweiz, Slowakei, Slowenien,
Spanien, Tschechische Republik, Ungarn.
Unterstützende
Gesellschaften:
Verbreitungskarten
und Fotogalerien:
Deutschland
http://www.spiderling.de/arages/Verbreitungskarten/
http://www.spiderling.de/arages/Fotogalerie/
http://www.natur-in-nrw.de/HTML/Tiere/Spinnen/
Europa
http://www.spiderling.de/arages/OverviewEurope/
http://www.eurospiders.com/Hyptiotes_paradoxus.htm
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